Die Meinung einer Viktimologin         



Von der Wichtigkeit, das Schweigen zu brechen.

 

Als klinische Psychologin arbeite ich seit über 15 Jahren in Krankenhäusern. Meine ursprüngliche Ausbildung habe ich vor über 10 Jahren durch ein universitätsübergreifendes Diplom in Viktimologie ergänzt. Diese zusätzliche Ausbildung hing natürlich mit den Problemen zusammen, die ich an meinem Arbeitsplatz antraf, aber sie hatte auch etwas mit den Fragen zu tun, welche die Beziehung zu dem Mann an meiner Seite in mir aufriefen. Wie andere war auch er ein Opfer von Bernard Preynat. Wie andere war auch er überzeugt, dass dieser Priester keinen Kontakt mehr zu Kindern hatte und somit keinen Schaden mehr anrichten konnte und deshalb sah er von einer Anzeige ab. Vor ein paar Tagen allerdings begriff er, dass seine Jahre des Schweigens nur auf einem Irrtum beruhten. Er glaubte, die Erwachsenen seien vertrauenswürdig - doch das Gegenteil war der Fall: All diese Jahre lang konnte sich der Priester problemlos Kindern nähern.

 

Ein Vorher und ein Nachher

 

Wenn man einem Pädophilen zum Opfer fällt, gibt es ein Vorher und ein Nachher: Das Verhältnis des Kindes zur Welt ändert sich unwiderruflich. Auch wenn es sich nicht wirklich bewusst ist, ein Opfer zu sein, auch wenn es mit niemandem spricht, auch wenn die Erwachsenen, die es beschützen sollen, nichts hören können oder wollen und auch wenn das Leben weiterzugehen scheint, als ob nichts gewesen wäre. Für ein Kind, welches an einen geschickten Verbrecher gerät, einen Mann, dem es nahe steht, der charismatisch ist, eine beträchtliche Ausstrahlung hat und der von den Erwachsenen seiner Gemeinde bewundert wird, ist es extrem schwierig zu begreifen, dass es ein Opfer ist. Die Art und die Wiederholung der Taten sind Faktoren, welche die Wirkung eines solchen Erlebnisses erschweren. Bernard Preynat ist ein Priester und die meisten von Ihnen nannten ihn “Vater Bernard” ; diese „Nähe“ sowie die Geschicklichkeit, die er an den Tag gelegt hat, sind ebenfalls erschwerende Umstände.

 

Die Erwachsenen

 

Erwachsene, die es gut meinen, können durch eine klare Position helfen, zu verstehen. Sie können dem Kind dabei helfen, zu begreifen, dass es ein Opfer und nicht ein Ausgewählter in einer besonderen Beziehung ist. Die Erwachsenen können für das junge Opfer eine sichere Zuflucht sein, ein stützender Pfeiler, der dabei hilft, Scham-, Schuld- und Einsamkeitsgefühlen vorzubeugen. Die Art und Weise, wie das kirchliche und familiäre Umfeld reagiert hat, hatte einen beträchtlichen Einfluss. Viele trugen durch ihre Einstellung und ihr Verhalten weiter dazu bei, die Opfer am Sprechen zu hindern, seien es Kinder oder später Erwachsene.

 

Schweigen?

 

Mit der Realität konfrontiert zu werden, dass Bernard Preynat noch immer als Priester Kontakt zu Kindern hat, trotz der Meldung seiner pädophilen Handlungen an die Kirche, hat mehrere der Opfer dazu gebracht, ihr Schweigen zu brechen. Sich an die Misshandlungen, die man als Opfer erleben musste, zu erinnern und sie wieder und wieder zu erzählen, kann in einigen Fällen schädlich sein und bringt den Opfern gar nichts. Ich denke aber, dass wir hier absolut nicht in dieser Situation sind. Sich dafür zu entscheiden, das Schweigen zu brechen, ist nicht leicht und bleibt nicht ohne Konsequenzen. Sie fragen sich sicher mit Recht, welche Auswirkungen auf die Person, die Familie, das berufliche Umfeld und Freunde eine Anhörung vor Gericht, eine Anzeige, eine Mediatisierung haben können. Ich schreibe heute, weil wir uns dessen vollkommen bewusst sind und damit mich alle, die dies wünschen, ansprechen können. Erinnerungen wachzurufen, visuelle, auditive, olfaktive, taktile Empfindungen wieder aufleben zu lassen, die mit einem traumatischen Erlebnis zusammenhängen, ist schmerzhaft. Aber diese Erinnerung hat ein Ziel und wenn Sie sich auf die Gruppe stützen, dann kann das körperlich gespürte Leiden ein notwendiger Schritt sein, um eine Besserung zu erleben.

 

Die Initiatoren der “ Die befreite Sprache” sind sich, denke ich, der Schwierigkeiten einer öffentlichen Anhörung, einer Anzeige und Mediatisierung voll bewusst. An dieser Aktion teilzunehmen ist vermutlich die einzige Möglichkeit, den bleiernen Mantel zu lüften, welcher es diesem Priester jahrelang ermöglichte, sich den menschlichen Gesetzen zu entziehen. Haben Erwachsene Kinder in Gefahr gebracht, um den Schein zu wahren, um „keine Wellen zu schlagen“? Haben sie Kinder geopfert? Macht man sich nicht mitschuldig, wenn man heute weiter schweigt? Kann man heute noch schweigen, ohne dass dies kurz-, mittel- oder langfristige Auswirkungen hätte? Vor ein paar Tagen sah ich zufällig das Ende des Films „Der Club der toten Dichter“, genau in dem Moment, als ein Schüler auf den Tisch steigt und dann nacheinander mehrere Mitschüler es ihm nachtun, während andere mit gesenktem Haupt auf ihrem Stuhl sitzen bleiben. Diese Szene ist ein perfektes Beispiel dafür, was gerade passiert. Ohne unbedingt im Rampenlicht zu stehen, ohne dass Ihr Familienname in den Medien erscheint, könnten Sie Ihren Beitrag leisten und zwar auch, wenn die Taten bereits verjährt sind oder Sie in den Augen der Justiz kein Opfer sondern nur Zeuge sind. Die Rolle des Umfeldes, der Familie und Freunde, ist auch hier wesentlich: Sich unterstützt zu fühlen ist absolut notwendig. Was gerade passiert, erscheint mir absolut legitim, gerecht und heilsam.

 

Dominique Murillo